{"id":194,"date":"2023-06-09T11:00:00","date_gmt":"2023-06-09T11:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hilliges.eu\/?p=194"},"modified":"2023-08-10T08:29:26","modified_gmt":"2023-08-10T08:29:26","slug":"der-letzte-ausflug","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hilliges.eu\/?p=194","title":{"rendered":"Der letzte Ausflug"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong><a href=\"http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Sonne-geht-unter.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-130\" src=\"http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Sonne-geht-unter-300x213.jpg\" alt=\"Sonne geht unter\" width=\"300\" height=\"213\" srcset=\"http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Sonne-geht-unter-300x213.jpg 300w, http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Sonne-geht-unter-1024x727.jpg 1024w, http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Sonne-geht-unter-624x443.jpg 624w, http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Sonne-geht-unter.jpg 1734w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Auf diesen Tag hatte sie schon lange gewartet<\/strong><\/p>\n<p>Ihr 90. Geburtstag sollte etwas ganz besonderes werden. Sie war gerne drau\u00dfen, war schon immer viel gereist &#8211; mit dem Bus, da sie nie fahren gelernt hatte. Sie liebte die Natur, das Reisen in Gruppen, den Austausch von Erlebten. Sie h\u00e4tte wahrscheinlich ein Reise-Forum geliebt, wo es Gleichgesinnte gibt, man sich Fotos ansehen, erz\u00e4hlen, zuh\u00f6ren und einfach den Alltag loslassen kann.<\/p>\n<p>Mit ihrem Augenlicht hatte sie schon seit einiger Zeit Probleme, sie konnte kaum noch etwas sehen &#8211; der Star. H\u00f6ren fiel ihr schwer, man musste laut sprechen, denn ein H\u00f6rger\u00e4t war ihr zu unnat\u00fcrlich, es schmerzte. Das Schlucken fiel ihr schwer, sie war trocken in der Kehle. Sie r\u00e4usperte sich, bevor sie etwas sagte und das immer seltener. Sie verstummte zusehends.<\/p>\n<p>Das Sprechen hatte sie &#8211; lange Zeit alleine in ihrer Wohnung lebend &#8211; verlernt. Nur noch selten besuchte sie jemand w\u00e4hrend der Woche, denn alle waren in ihrem Berufsleben eingespannt. Auch am Wochenende war sie meistens alleine. Trotzdem war sie zufrieden mit dem Wenigen, was ihr das Leben noch zu bieten hatte. Der Fernseher brachte Sendungen, die ihren Lebensradius erweiterten. Sie reiste nach Amerika, Afrika und lernte sogar den Jangtse kennen. Sie \u00fcberstieg Mauern, die sie k\u00f6rperlich nie mehr erklettern konnte. Sie flog \u00fcber die Kontinente, schnell und unaufhaltbar. Sie h\u00f6rte alte Melodien \u00fcber einen Kopfh\u00f6rer und umgab sich mit alten D\u00fcften: Seifen, die etwas Besonderes waren, rund und duftend in die Schublade zu ihren Pullovern gelegt.<\/p>\n<p>Das Einkaufen fiel ihr immer schwerer, das Laufen tat weh, die Knie lie\u00dfen nach. Sie behauptete drau\u00dfen gewesen zu sein. Nachbarn brachten den M\u00fcll f\u00fcr sie raus oder ihr etwas mit, verstauten es im K\u00fchlschrank und sie verga\u00df, dass es dort Leckereien gab. Sie war ein Schleckerm\u00e4ulchen, Erdbeeren mit Sahne und Schokoladenpudding geh\u00f6rten zu ihrer Sehnsucht.<\/p>\n<p>Sie verga\u00df immer mehr, verga\u00df sogar das Gas abzudrehen, nachdem das Wasser gekocht hatte. Sie war alt geworden, fand das Leben hart. Sie hatte genug gelebt nach ihrem Geschmack. Als der Entschluss feststand, dass sie ins Pflegeheim musste, machten wir einen Ausflug mit ihr. Sie blickte auf die Berge in der Ferne, sah die B\u00e4ume sich im Wasser spiegeln, f\u00fchlte den F\u00f6hnwind in ihren Haaren spielen und freute sich ihres Lebens. Es war sch\u00f6n sie zu beobachten, denn sie wurde lebendig, gl\u00fccklich und strahlte \u00fcber das ganze Gesicht. Sinnlich begriff sie die fremde und doch so vertraute Umgebung, die sie fr\u00fcher immer bei Tagesausfl\u00fcgen mit dem Zuge aufgesucht hatte. So h\u00e4tte ihr Alltag immer sein sollen! Reisen machte sie j\u00fcnger, verl\u00e4ngerte ihr Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Wer sie war<\/strong><\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Momentaufnahme-7-19.05.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-197 aligncenter\" src=\"http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Momentaufnahme-7-19.05-300x165.jpg\" alt=\"Momentaufnahme 7 (19.05\" width=\"300\" height=\"165\" srcset=\"http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Momentaufnahme-7-19.05-300x165.jpg 300w, http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Momentaufnahme-7-19.05.jpg 444w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie war Schneiderin vom Beruf, sehr damenhaft, immer adrett gekleidet, trug nie Hosen. Im Heim freute sie sich \u00fcber die Pflege, genoss die lang vermissten warmen B\u00e4der, das B\u00fcrsten ihrer wei\u00dfen Haare. Es fiel ihr schwer die Arme zu heben, um dies selber zu tun. Ich cremte ihr Gesicht ein und sie schien wie eine Katze zu schnurren.<\/p>\n<p>So konnte sie sich wieder zeigen. Jetzt verlangte sie wieder nach bunten Farben, nach Kleidungsst\u00fccken aus Wolle und Seide. Sie wusste genau, das bestimmte Dinge nicht harmonierten, dass sie nicht zu ihr passten. Deshalb lie\u00df sie sich Kleidungsst\u00fccke aus ihrem Schrank holen, die sie l\u00e4ngst nicht mehr hatte tragen wollen. Sie strich \u00fcber die weichen Pullover, die sie selbst gestrickt hatte, den Rock, der ihr leider zu gro\u00df geworden war. Am liebsten h\u00e4tte sie sich die Dinge ge\u00e4ndert, doch eine N\u00e4hmaschine konnte sie nicht mehr bedienen. Ihr H\u00e4nde waren zittrig, es fiel ihr schwer einen Faden einzuf\u00e4deln. Ihre Strumpfhosen mussten hell sein, schimmern, seidig sich beim Anziehen anf\u00fchlen. Sie verweigerte eine Hose, die man leicht \u00fcberstreifen konnte. Die F\u00fc\u00dfe wurden immer schwerer, wenn sie im Rollstuhl sa\u00df und aus dem Fenster blickte. Sie wollte laufen, laufen, laufen&#8230;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Momentaufnahme-1-19.05.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-196 aligncenter\" src=\"http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Momentaufnahme-1-19.05-300x187.jpg\" alt=\"Momentaufnahme 1 (19.05\" width=\"300\" height=\"187\" srcset=\"http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Momentaufnahme-1-19.05-300x187.jpg 300w, http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Momentaufnahme-1-19.05.jpg 385w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Kurz vor ihrem Geburtstag erkannte sie uns nicht mehr. Wir planten einen Geburtstagsausflug, wollten mit ihr in die Umgebung fahren und sie sollte sich so freuen, wie sie es fr\u00fcher getan hatte. Es sollte ihr einfach gut gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Abflug zu anderen Gefilden<\/strong><\/p>\n<p>Der Sturz fand \u00fcber Nacht aus dem Bett heraus auf den harten Boden statt. Sie schlug auf ihren Kopf auf, lag bestimmt lange vor dem Bett, bis eine Pflegerin sie in den fr\u00fchen Morgenstunden fand und aufhob. Sie war gr\u00fcn und blau. Sie zitterte und wollte nicht, dass der Arzt kam. Die Schwestern machten kalte Umschl\u00e4ge und zogen sie f\u00fcr den Geburtstag an. Sie wollte nicht mehr ruhen, das Bett war ihr zuwider. Sie wartete auf etwas, was sie nicht benennen konnte. Wir hatten uns f\u00fcr die Mittagszeit angemeldet. Dann wollten wir sie mitnehmen, auf eine kurze Reise.<\/p>\n<p>Der B\u00fcrgermeister kam bereits in den fr\u00fchen Morgenstunden, um zu gratulieren. Sie sch\u00e4mte sich ihres Falls. Ihre Augen schwammen in Tr\u00e4nen. Sie reichte eine schlaffe Hand und wurde im Rollstuhl in ihr Zimmer zur\u00fcck gebracht. Der Geschenkekorb mit Leckereien interessierte sie nicht. Sie wollte nichts mehr, hatte sich satt gegessen und geschaut.<\/p>\n<p>Wir brachten Kuchen, S\u00fc\u00dfigkeiten, Rosenseife und Lavendelduft, den sie sonst so liebte. M\u00fchsam kleideten wir sie an, k\u00e4mmten ihr langes, wei\u00dfes Haar. Sie w\u00e4hlte ein blaues Strickkleid, eine langen Seidenschal, mit dem sie die Auswirkungen des Falls abdecken konnte. Die Schuhe waren ihr zu schwer. Sie lie\u00df wie eine Puppe alles mit sich machen. Ihr Blick ging nach innen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Momentaufnahme-41-19.05.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-199 aligncenter\" src=\"http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Momentaufnahme-41-19.05.jpg\" alt=\"Momentaufnahme 41 (19.05\" width=\"253\" height=\"243\"><\/a><\/p>\n<p>Wir schoben sie mit den Rollstuhl in den Garten. Es war Herbst und das Stoppelfeld bleckte braune Erde. Die Sonne sandte ihre letzten Strahlen und trotzdem fror sie. Wir hatten ihr einen blauen Mantel \u00fcbergezogen. Sie blickte durch uns hindurch.<\/p>\n<p>Wir streichelten ihre H\u00e4nde. Die Sonne erw\u00e4rmte uns, wir r\u00fcckten n\u00e4her, um ihr Schutz gegen den Wind zu bieten. Sie sprach mit schwerer Zunge: &#8222;Danke! Machen sie es gut.&#8220; Kein du kam mehr \u00fcber ihre Lippen, die ausgetrocknet waren.<\/p>\n<p>Sie genoss unsere N\u00e4he, den Tag im Freien. Die Wiese war zum letzten Mal gem\u00e4ht worden, die B\u00e4ume lie\u00dfen zaghaft ihre Bl\u00e4tter fallen. Eines davon fiel auf ihren Scho\u00df und sie blickte darauf. Ihre H\u00e4nde zitterten, aber sie griff nicht danach. Es war zu Ende, das Greifen, das Be-Greifen. Der n\u00e4chste Windsto\u00df nahm das Blatt mit sich mit, wirbelte es auf und es begann zu fliegen. Hoch, immer h\u00f6her in kleinen St\u00f6\u00dfen, dann um sich herum, um sich aprupt auf den Boden abzusetzen. Das Blatt war vergessen, hatte nie existiert. Sie blickte in die Ferne.<\/p>\n<p>&#8222;Bitte, bringen Sie sie hinein! Kaffee und Kuchen ist fertig. Die anderen Heimbewohner wollen mitfeiern.&#8220; Die Pflegerin hatte das Fenster aufgemacht und lockte uns mit Worten. Ihr gaben die Worte nichts. Die Bewohner der Gruppe hatten sie nie interessiert. Sie war immer ihren Weg alleine gegangen.<\/p>\n<p>Es war schwer den Rollstuhl in der Wiese anzuschieben. Mehrmals versuchten wir es. Endlich gelang es uns ihn aus der Wiese zu dirigieren. Die Sonne brach sich auf dem Stoppelfeld, schrill kreischte eine Kr\u00e4he \u00fcber uns. Sie fr\u00f6stelte, hob die F\u00fc\u00dfe an, streckte ihre Beine aus. Es sollte schneller gehen.<\/p>\n<p>Wir schoben h\u00e4rter und los ging es. Den Weg hinunter, um die Ecke. Immer schneller schoben wir ihren Rollstuhl. Es war, als ob sie fl\u00f6ge. Ihr Herz erhob sich und strebte nach oben, dem blauen Himmel entgegen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Momentaufnahme-13-19.05.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-198 aligncenter\" src=\"http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Momentaufnahme-13-19.05-300x179.jpg\" alt=\"Momentaufnahme 13 (19.05\" width=\"300\" height=\"179\" srcset=\"http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Momentaufnahme-13-19.05-300x179.jpg 300w, http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Momentaufnahme-13-19.05.jpg 403w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf diesen Tag hatte sie schon lange gewartet Ihr 90. Geburtstag sollte etwas ganz besonderes werden. Sie war gerne drau\u00dfen, war schon immer viel gereist &#8211; mit dem Bus, da sie nie fahren gelernt hatte. 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