{"id":744,"date":"2023-08-26T06:52:49","date_gmt":"2023-08-26T06:52:49","guid":{"rendered":"http:\/\/hilliges.eu\/?p=744"},"modified":"2023-08-27T05:20:37","modified_gmt":"2023-08-27T05:20:37","slug":"744","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hilliges.eu\/?p=744","title":{"rendered":"Im B\u00e4renk\u00e4fig"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1199.jpeg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"938\" src=\"http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1199-1024x938.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-745\" srcset=\"http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1199-1024x938.jpeg 1024w, http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1199-300x275.jpeg 300w, http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1199-768x703.jpeg 768w, http:\/\/hilliges.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1199.jpeg 1162w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>Von meiner Fensterbank \u00fcberblicke ich einen gro\u00dfen Theatervorplatz auf dem ein kleiner Wanderzirkus sich einrichtet. Fahrende Zigeuner sind in Hildesheim eingetroffen und haben zwei K\u00e4fige mit Braunb\u00e4ren mitgebracht. Sie sind hinter dicke Eisenst\u00e4ben verbannt und wandern immer auf und ab, sch\u00fctteln ihren K\u00f6rper und K\u00f6pfe und g\u00e4hnen mit spitzen, gelben Z\u00e4hnen in Richtung neugieriger Passanten, die jedoch uninteressiert vorbeieilen.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lausche auf die Ger\u00e4usche meiner Mutter, die das Essen in der K\u00fcche zubereitet. Leise verlasse ich unsere Wohnung, um die B\u00e4ren aus der N\u00e4he betrachten zu k\u00f6nnen. Noch nie bin ich allein aus dem Haus gegangen. Die Haust\u00fcr l\u00e4sst sich nur schwer \u00f6ffnen. Es ist k\u00fchl ohne Jacke und Schuhe, die ich vergessen hatte anzuziehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Clown ruft den Passanten zu, dass eine Vorf\u00fchrung gleich beginnen wird. Eine Traube von Menschen zieht sich um einen abgesteckten Platz zusammen. Ich dr\u00fccke mich durch die Menschenmenge, um m\u00f6glichst dicht an die B\u00e4renk\u00e4fige zu gelangen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die schweren Klauen der B\u00e4ren kratzen \u00fcber den Holzboden der K\u00e4fige, den ihre scharfen Krallen bereits aufgeritzt haben. Manchmal richten sich die wilden Tiere in der dunklen Ecke ihrer K\u00e4fige unruhig auf, wiegen ihre schweren Sch\u00e4del und drehen sich in den Schultern hin und her. Wie gro\u00df die sind! Viel gr\u00f6\u00dfer als alle Menschen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich friere und zittere, w\u00e4hrend ich wie hypnotisiert die Eingesperrten beobachte. Ich reiche kaum bis zu den Gitterst\u00e4ben und entferne mich ein paar Schritte von den Anh\u00e4ngern, um die B\u00e4ren \u00fcberhaupt richtig betrachten zu k\u00f6nnen. Aufmerksam versuche ich mir Unbekanntes zu erfassen.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>An einer langen Eisenkette wird einer der B\u00e4ren aus dem K\u00e4fig geholt. An seiner empfindlichen Nase ist ein Ring befestigt, der ihm bei jeder Bewegung Schmerzen bereitet. Meister Petz zuckt zusammen, wenn der Dompteur daran zieht. Mit schwerer Hand dr\u00fcckt er dem B\u00e4ren seinen Willen auf, der sich in voller Gr\u00f6\u00dfe aufrichten und zur Melodie der Fiedel tanzen soll.&nbsp;&nbsp;Mit einem spitzen Haken, an einem langen Stock, macht der Dompteur sich den sonst wilden Gesellen untertan. Schmerzen lassen den riesigen B\u00e4ren schrumpfen, w\u00e4hrend der kleine Dompteur sich stark und m\u00e4chtig f\u00fchlt.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich entdecke, dass ein Schl\u00fcssel im Schloss des K\u00e4figs steckt, sperre ungelenk auf und klettere hinein. Es riecht streng nach der wilden B\u00e4rin, die sich flach auf den Boden vor mir legt. Ich sinke neben ihr auf die Knie und kraule das weiche Fell des wilden Tiers zwischen den Ohren. Die schweren Pranken mit den spitzen Krallen liegen ruhig neben mir, als ich mich gl\u00fccklich \u00fcber die B\u00e4rin beuge. Ich setze mich daneben, schiebe meine Beine unter ihren schweren, warmen Leib und f\u00fchle ihren Atem, der mich sanft ber\u00fchrt. Ihr Herz schl\u00e4gt im Gleichklang mit dem meinen, in jenem Rhythmus der verzaubert. Pure Zuneigung erw\u00e4rmt mich. Das braune Fell der B\u00e4rin bedeckt meine eiskalten Beine. Meine H\u00e4nde streicheln das pl\u00f6tzlich zahme Tier sanft im Takt unserer Herzen. Wir verschmelzen zu einer Einheit und ich f\u00fchle mich dazugeh\u00f6rig, warm gehalten und geborgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der schriller Schrei meiner Mutter implodiert tief in mir. Er holt mich aus dem Zentrum meiner Gef\u00fchle und ich sp\u00fcre Mutters Angst k\u00f6rperlich, so als w\u00e4re sie meine eigene.&nbsp;Es ist ein ungutes Gef\u00fchl, das mich aus einer mir sonst fremden, doch pl\u00f6tzlich vertrauten Welt, herauskatapultiert. Als der Dompteur sich unserer Einheit n\u00e4hert, wird aus der ruhigen B\u00e4rin wieder ein gef\u00e4hrliches, wildes Tier. Schwer nur l\u00f6sen wir uns aus der Umklammerung, die mich bis zum heutigen Tag gefangen h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz auf mich gestellt hatte ich mich sicher gef\u00fchlt. Urvertrauen gab mir jene Kraft, nach der ich mich mein ganzes Leben lang sehnen und suchen w\u00fcrde&#8230;<\/p>\n<cite>Ein Kapitel aus dem Buch  &#8222;Als Mutter mit mir tanzte&#8220;<\/cite><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von meiner Fensterbank \u00fcberblicke ich einen gro\u00dfen Theatervorplatz auf dem ein kleiner Wanderzirkus sich einrichtet. 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