Spannende Begegnung – 3. Teil

Keinerlei Orientierung

„Wenn du etwas von mir willst, dann jetzt! Sonst hau ab!“

Mein Aufschrei fand ein bizarres Echo im erschrockenen Gekreische eines plötzlich erwachten Vogels, dem andere Vogelstimmen folgten. Mein durch ihre Stimmen vervielfachter Aufschrei war wie eine Befreiung. Ich warf die unerträgliche Spannung ab, die mich wie in eine Zwangsjacke eingeschnürt gehalten hatte. Als Antwort riss der Leopard sein zahnbewehrtes Maul weit auf, stöhnte mir noch einmal sein bellendes Fauchen entgegen. Dann sprang er mit einem geschmeidigen Satz, einer aus dem Nichts kommenden federnden Bewegung, von seinem Ast. Seitwärts, mit dem Schwanz das Gleichgewicht ausbalancierend. Sofort verschluckte die Dämmerung seinen Körper.
Die Hände abgestützt rutschte ich langsam am Stamm hoch, bis ich stand. Sekundenlang hörte ich noch das Knacken von Ästen, das Rascheln des Laubs. Ich stolperte los, über Wurzeln und abgestorbene Bäume, der diffus aus dem Osten einfallenden Helligkeit des beginnenden Morgens entgegen. Ich hatte in diesem urwüchsigen Chaos keinerlei Orientierung. Irgendwann sah ich Wasser zwischen den Bäumen schimmern, eine glitzernd ruhende Oberfläche klar wie ein Spiegel: der breite Seitenarm eines Flusses. Zu meinen Füßen die beruhigende Weite der Wasseroberfläche, hinter mir die bedrückende Dichte des Waldes. Langsam kniete ich mich hin, sah mich vorsichtig und aufmerksam um.

1.-leo12

Mein Lebensretter
Er war vor mir angekommen. Den muskulösen Hals weit vorgestreckt, während sein Körper angespannt auf sehnigen Beinen ruhte, trank er das Wasser. Ganz ruhig. Nur kurz unterbrach er, drehte den Kopf in meine Richtung, als wollte er mir höhnisch zunicken: Na, auch schon da? Dann trank er gelassen weiter. Er war nicht schwarz, wie ich zuerst angenommen hatte. Die ersten Strahlen der Sonne zeigten sein dezent geflecktes Fell, wie mit einem dunklen Netz überzogen. Ein Meister der Tarnung, der sich seiner Umgebung des ständigen Wechselspiels von Licht und Schatten frappierend angepasst hatte. Nach einem letzten, etwas abschätzigen Blick in meine Richtung, federte er mit wenigen langen Sprüngen in den Urwald zurück. Dorthin, wo er zuhause war und wohin ich mich verlaufen hatte.

 

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