Mit den Augen einer Afrikanerin – Die Heimkehr

 

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Eine Kostprobe aus meiner CD: Mit den Augen einer Afrikanerin

Hier:  Die Heimkehr

Kurzgeschichten aus der Wärme Afrikas

Sie können hier die CD für den Preis von Euro 5 bestellen.

 

 

 

 

Im Zeichen des Wolfs oder die rheumatische Erkrankung Systemischer Lupus erythematodes

Kennen alle Betroffenen nicht die Suche nach einer Diagnose,
die Zeit der Schübe und der Verzweiflung,
das Finden von Verbündeten und die Suche nach einem gangbaren Weg,
die Zeit der Ruhe und des Besinnens zwischen den Schüben?
In meinem Video – gespielt vom echten Lupus – erkläre ich die Krankheit.

Informationen zum Erkrankung und anderen Kollagenosen u.a.:
http://kollagenosen.blogspot.com

Der letzte Ausflug

Sonne geht unter

Auf diesen Tag hatte sie schon lange gewartet

Ihr 90. Geburtstag sollte etwas ganz besonderes werden. Sie war gerne draußen, war schon immer viel gereist – mit dem Bus, da sie nie fahren gelernt hatte. Sie liebte die Natur, das Reisen in Gruppen, den Austausch von Erlebten. Sie hätte wahrscheinlich ein Reise-Forum geliebt, wo es Gleichgesinnte gibt, man sich Fotos ansehen, erzählen, zuhören und einfach den Alltag loslassen kann.

Mit ihrem Augenlicht hatte sie schon seit einiger Zeit Probleme, sie konnte kaum noch etwas sehen – der Star. Hören fiel ihr schwer, man musste laut sprechen, denn ein Hörgerät war ihr zu unnatürlich, es schmerzte. Das Schlucken fiel ihr schwer, sie war trocken in der Kehle. Sie räusperte sich, bevor sie etwas sagte und das immer seltener. Sie verstummte zusehends.

Das Sprechen hatte sie – lange Zeit alleine in ihrer Wohnung lebend – verlernt. Nur noch selten besuchte sie jemand während der Woche, denn alle waren in ihrem Berufsleben eingespannt. Auch am Wochenende war sie meistens alleine. Trotzdem war sie zufrieden mit dem Wenigen, was ihr das Leben noch zu bieten hatte. Der Fernseher brachte Sendungen, die ihren Lebensradius erweiterten. Sie reiste nach Amerika, Afrika und lernte sogar den Jangtse kennen. Sie überstieg Mauern, die sie körperlich nie mehr erklettern konnte. Sie flog über die Kontinente, schnell und unaufhaltbar. Sie hörte alte Melodien über einen Kopfhörer und umgab sich mit alten Düften: Seifen, die etwas Besonderes waren, rund und duftend in die Schublade zu ihren Pullovern gelegt.

Das Einkaufen fiel ihr immer schwerer, das Laufen tat weh, die Knie ließen nach. Sie behauptete draußen gewesen zu sein. Nachbarn brachten den Müll für sie raus oder ihr etwas mit, verstauten es im Kühlschrank und sie vergaß, dass es dort Leckereien gab. Sie war ein Schleckermäulchen, Erdbeeren mit Sahne und Schokoladenpudding gehörten zu ihrer Sehnsucht.

Sie vergaß immer mehr, vergaß sogar das Gas abzudrehen, nachdem das Wasser gekocht hatte. Sie war alt geworden, fand das Leben hart. Sie hatte genug gelebt nach ihrem Geschmack. Als der Entschluss feststand, dass sie ins Pflegeheim musste, machten wir einen Ausflug mit ihr. Sie blickte auf die Berge in der Ferne, sah die Bäume sich im Wasser spiegeln, fühlte den Föhnwind in ihren Haaren spielen und freute sich ihres Lebens. Es war schön sie zu beobachten, denn sie wurde lebendig, glücklich und strahlte über das ganze Gesicht. Sinnlich begriff sie die fremde und doch so vertraute Umgebung, die sie früher immer bei Tagesausflügen mit dem Zuge aufgesucht hatte. So hätte ihr Alltag immer sein sollen! Reisen machte sie jünger, verlängerte ihr Leben.

Wer sie war

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Sie war Schneiderin vom Beruf, sehr damenhaft, immer adrett gekleidet, trug nie Hosen. Im Heim freute sie sich über die Pflege, genoss die lang vermissten warmen Bäder, das Bürsten ihrer weißen Haare. Es fiel ihr schwer die Arme zu heben, um dies selber zu tun. Ich cremte ihr Gesicht ein und sie schien wie eine Katze zu schnurren.

So konnte sie sich wieder zeigen. Jetzt verlangte sie wieder nach bunten Farben, nach Kleidungsstücken aus Wolle und Seide. Sie wusste genau, das bestimmte Dinge nicht harmonierten, dass sie nicht zu ihr passten. Deshalb ließ sie sich Kleidungsstücke aus ihrem Schrank holen, die sie längst nicht mehr hatte tragen wollen. Sie strich über die weichen Pullover, die sie selbst gestrickt hatte, den Rock, der ihr leider zu groß geworden war. Am liebsten hätte sie sich die Dinge geändert, doch eine Nähmaschine konnte sie nicht mehr bedienen. Ihr Hände waren zittrig, es fiel ihr schwer einen Faden einzufädeln. Ihre Strumpfhosen mussten hell sein, schimmern, seidig sich beim Anziehen anfühlen. Sie verweigerte eine Hose, die man leicht überstreifen konnte. Die Füße wurden immer schwerer, wenn sie im Rollstuhl saß und aus dem Fenster blickte. Sie wollte laufen, laufen, laufen…

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Kurz vor ihrem Geburtstag erkannte sie uns nicht mehr. Wir planten einen Geburtstagsausflug, wollten mit ihr in die Umgebung fahren und sie sollte sich so freuen, wie sie es früher getan hatte. Es sollte ihr einfach gut gehen.

Abflug zu anderen Gefilden

Der Sturz fand über Nacht aus dem Bett heraus auf den harten Boden statt. Sie schlug auf ihren Kopf auf, lag bestimmt lange vor dem Bett, bis eine Pflegerin sie in den frühen Morgenstunden fand und aufhob. Sie war grün und blau. Sie zitterte und wollte nicht, dass der Arzt kam. Die Schwestern machten kalte Umschläge und zogen sie für den Geburtstag an. Sie wollte nicht mehr ruhen, das Bett war ihr zuwider. Sie wartete auf etwas, was sie nicht benennen konnte. Wir hatten uns für die Mittagszeit angemeldet. Dann wollten wir sie mitnehmen, auf eine kurze Reise.

Der Bürgermeister kam bereits in den frühen Morgenstunden, um zu gratulieren. Sie schämte sich ihres Falls. Ihre Augen schwammen in Tränen. Sie reichte eine schlaffe Hand und wurde im Rollstuhl in ihr Zimmer zurück gebracht. Der Geschenkekorb mit Leckereien interessierte sie nicht. Sie wollte nichts mehr, hatte sich satt gegessen und geschaut.

Wir brachten Kuchen, Süßigkeiten, Rosenseife und Lavendelduft, den sie sonst so liebte. Mühsam kleideten wir sie an, kämmten ihr langes, weißes Haar. Sie wählte ein blaues Strickkleid, eine langen Seidenschal, mit dem sie die Auswirkungen des Falls abdecken konnte. Die Schuhe waren ihr zu schwer. Sie ließ wie eine Puppe alles mit sich machen. Ihr Blick ging nach innen.

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Wir schoben sie mit den Rollstuhl in den Garten. Es war Herbst und das Stoppelfeld bleckte braune Erde. Die Sonne sandte ihre letzten Strahlen und trotzdem fror sie. Wir hatten ihr einen blauen Mantel übergezogen. Sie blickte durch uns hindurch.

Wir streichelten ihre Hände. Die Sonne erwärmte uns, wir rückten näher, um ihr Schutz gegen den Wind zu bieten. Sie sprach mit schwerer Zunge: „Danke! Machen sie es gut.“ Kein du kam mehr über ihre Lippen, die ausgetrocknet waren.

Sie genoss unsere Nähe, den Tag im Freien. Die Wiese war zum letzten Mal gemäht worden, die Bäume ließen zaghaft ihre Blätter fallen. Eines davon fiel auf ihren Schoß und sie blickte darauf. Ihre Hände zitterten, aber sie griff nicht danach. Es war zu Ende, das Greifen, das Be-Greifen. Der nächste Windstoß nahm das Blatt mit sich mit, wirbelte es auf und es begann zu fliegen. Hoch, immer höher in kleinen Stößen, dann um sich herum, um sich aprupt auf den Boden abzusetzen. Das Blatt war vergessen, hatte nie existiert. Sie blickte in die Ferne.

„Bitte, bringen Sie sie hinein! Kaffee und Kuchen ist fertig. Die anderen Heimbewohner wollen mitfeiern.“ Die Pflegerin hatte das Fenster aufgemacht und lockte uns mit Worten. Ihr gaben die Worte nichts. Die Bewohner der Gruppe hatten sie nie interessiert. Sie war immer ihren Weg alleine gegangen.

Es war schwer den Rollstuhl in der Wiese anzuschieben. Mehrmals versuchten wir es. Endlich gelang es uns ihn aus der Wiese zu dirigieren. Die Sonne brach sich auf dem Stoppelfeld, schrill kreischte eine Krähe über uns. Sie fröstelte, hob die Füße an, streckte ihre Beine aus. Es sollte schneller gehen.

Wir schoben härter und los ging es. Den Weg hinunter, um die Ecke. Immer schneller schoben wir ihren Rollstuhl. Es war, als ob sie flöge. Ihr Herz erhob sich und strebte nach oben, dem blauen Himmel entgegen.

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